Maschinenpistole Sten – quick&dirty oder „The Plumbers Delight“

Sten Mk II

Die Maschinenpistole Sten war eine Entwicklung Grossbritanniens während des Zweiten Weltkriegs. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges fand sich Grossbritannien in einer bedrückenden Lage wieder. Nachdem ein Expeditionskorps auf das Festland ausgesandt worden war, um Frankreich und Belgien gegen die Wehrmacht zu Hilfe zu kommen, musste dieses Expeditionskorps im Kessel von Dünkirchen Hals über Kopf evakuiert werden. Bei dieser Evakuation verloren die britischen Landstreitkräfte eine empfindliche Menge an Handfeuerwaffen. Um diesen Verlust auszugleichen kauften die Briten Tausende Thompson Maschinenpistolen in den USA und bezahlten diese mit Gold. Diese Transporte wurden in beiden Richtungen beständig von den deutschen U-Boot-Rudeln angegriffen. Damit hatten die Briten keine weitere Option als eine eigene Maschinenpistole zu entwickeln. Sprichwörtlich mit dem Rücken zum Ozean musste eine Konstruktion gefunden werden, die erstens sehr billig und zweitens sehr schnell zu produzieren war. Taktische Funktionalität wurde bei der Entwicklung etwas vernachlässigt, aber die resultierende Waffe war immer noch überraschend effizient.

Konstruiert von R.V. Shepherd und H.J. Turpin in den Enfield-Werken, hat die Sten Ihren Namen davon erhalten (ShepherdTurpinENfield). Alternativ wurde sie auch „the plumbers delight“ genannt. Nicht ganz zu Unrecht, die Sten ist eine grobe und unbestreitbar hässliche Konstruktion. Nichtsdestotrotz wurde die Sten über mehrere Generationen weiterentwickelt und hat mit der Mk V einen Höhepunkt gefunden, verfügte über Holzschäftung, qualitativ hochwertige Visierungen und einen Bajonettanschluss. The Sten Mk IIS und die Mk VI-Modelle waren die ersten schallgedämpften Maschinenpistolen in Serienreife.

In den ersten Monaten des Zweiten Weltkrieges war die britische Armee, geschwächt vom Desaster in Dünkirchen, nicht stark genug, um eine direkte Begegnung mit der Wehrmacht zu wagen. In dieser Konsequenz konzentrierten sich die Briten auf Sabotage und andere klandestine Aktivitäten hinter den deutschen Linien. Die kleine und leicht zu verdeckende Sten war für diese Operationen überaus geeignet. Deshalb wurden kurzerhand Varianten mit integriertem Schalldämpfer entwickelt und an die britischen Kommandos und SOE-Einheiten ausgegeben. (Iannamico, 2003)

Die Briten rüsteten Ihre Fallschirmjäger, Fahrzeugbesatzungen und rückwärtigen Dienste mit der Sten aus. Der damalige Stückpreis einer Sten war um die 9 US$, was heute ungefähr 130 US$ entspräche, und ermöglichte dadurch eine Millionenfache Fertigung. (Dabbs, 2015) Einer der brillanten Aspekte der Sten-Konstruktion ist die Möglichkeit ihre Komponenten in einfachsten Werkstätten herzustellen. Somit konnte die Produktion extrem verteilt und versteckt werden, um den fortwährenden deutschen Luft- und später Raketenangriffen zu entkommen. Die Toleranzen in der Sten vergeben vieles, damit die Sten immer noch funktioniert wie angedacht.

Sten Mk V

Tausende von Sten wurden über dem besetzten Europa mit Flugzeugen abgeworfen um den Widerstand der Resistancé und der Partisanen gegen Hitler-Deutschland zu stützen. Die schallgedämpfte Version war damals State-of-the-Art im bewaffneten Widerstandskampf.

Der Verschluss

Die Sten ist zuschiessend konstruiert und verfügt über einen einfachen nicht-verriegelten Masseverschluss mit feststehendem Zündstift. Der Verschluss ist in seiner hinteren Position durch den Abzug gehalten und die Schliessfeder gespannt. Bei Betätigung des Abzuges bewegt sich der Verschluss nach vorne, streift eine Patrone aus dem Magazin, führt diese ins Patronenlager und zündet die Patrone mit dem feststehenden Zündstift. Im Design ist die Sten konstruiert, dass die Patrone gezündet wird, wenn der Hülsenrand ans Ende des Patronenlager stösst, der Verschluss sich aber noch vorwärtsbewegt. Durch die reine Masse des Verschlusses wird nach der Zündung die Rückwärtsbewegung des Verschlusses solange verzögert, bis das Projektil den relativ kurzen Lauf verlassen hat und Druck durch den Lauf nach Vorne entweichen kann. Beim Zurücklaufen des Verschlusses wird die Patrone mit der Auszieherklaue ausgezogen und ausgeworfen.

Magazine

Die Magazine der Sten sind zweireihige Magazine. Die zwei Reihen laufen ähnlich einem heutigen Pistolenmagazin zu einer Reihe zusammen und werden immer am gleichen Ort dem zuschiessenden Verschluss präsentiert. Resultat dieser Konstruktionsweise ist die Notwendigkeit eines Magazinladers.

Die Sten im Schuss

Die Sten überragt bei einem Punkt alle massenweise gefertigten Maschinenpistolen ihrer Zeit. Durch das von links eingesetzt Magazin unterstützt das Liegendschiessen wie kein anderes System. Mit keiner anderen Zuführung ist es möglich so tief liegend zu schiessen, ohne dabei die Waffe verdrehen zu müssen. Aus der Sicht des damaligen Widerstandes der Resistance und den Partisanen ein riesengrosser taktischer Vorteil. Gleichzeitig ist dies auch der grösste Nachteil der Waffe, bequem geschulterte Tragarten sind nahezu unmöglich. Die Möglichkeit halbautomatisch und vollautomatisch zu Schiessen, macht die Sten universell einsetzbar.

Die moderate Feuergeschwindigkeit der Sten macht sie imminent kontrollierbar mit grundlegendem Training. Die Ergonomie der Waffe allerdings ist sehr schwach. Es gibt per se keine Sicherheitsvorrichtung, die Visierung ist fix aufgeschweisst und die Visiereinstellung damit in den Händen des Schweissers. Der Magazinlöseknopf ist schwer und im Stress schwierig zu bedienen.

Alles in allem kann festgehalten werden, dass die Sten ihre Aufgabe herausragend erfüllt, wenn man bedenkt in welcher verzweifelten Lage die Maschinenpistole entwickelt und gebaut wurde.

Die schallgedämpfte Sten

Im Verlauf der ersten Kriegsmonate wurden für die britischen Kommandos und SOE-Einheiten schallgedämpfte Stens entwickelt. Diese wurden in relativ grosser Stückzahl bei BSA, in Enfield und in Fazakerley gebaut. Basierend auf der bereits vereinfachten Sten Mk II wurde die Mk II(S) entwickelt. Der S steht für Special Purpose. Die Laufbaugruppe wurde so verändert, dass der Lauf ein in dem Schalldämpfer integriertes Bauteil wurde. Dadurch mussten die Verschlussgehäuse und Schalldämpfer-/Laufbaugruppen gepaart werden und waren nicht zum Austausch zwischen verschiedenen Mk II(S) vorgesehen. (Myrvang, 2014). Die Läufe wurden gekürzt, um die Mündungsgeschwindigkeit auf annähernd Schallgeschwindigkeit zu reduzieren.

Probleme tauchten mit den schallgedämpften Stens auf. Oftmals traten sogenannte „Runaway Guns“ auf, bei der die Rückstossleistung der Patronen durch den Schalldämpfer soweit reduziert wurde, dass der Verschluss nicht genügend Weg im Rücklauf zurücklegte, um vom Abzugsmechanismus wieder gefangen zu werden. Dieses Problem bestand auch bei normalen Sten Mk II. Die britische Munition Mk Iz in 9mm Para verschoss ein 115gr-Geschoss mit 365m/s. Um dem „Runaway Gun“-Problem Herr zu werden, wurde die Mündungsgeschwindigkeit 1943 mit der Patrone Mk IIz und gleichen 115gr auf 396m/s erhöht. Dies behob das „Runaway Gun“-Problem bei normalen Stens, machte aber die Schalldämpfung schwieriger. So mussten für die Sten Mk II(S) leichtere Verschlüsse angefertigt werden. Diese leichten Verschlüsse wurden als „Bolt, Breech, MK 3″ in die Nomenklatur der britischen Armee aufgenommen. Der leichte Verschluss ist zwischen den Führungsflächen ca. 11/32“ kleiner im Durchmesser und wiegt ungefähr 5oz weniger gegenüber dem Standardverschluss der Sten Mk II. (Iannamico, 2003)

Die Mk II(S) war nie zum Einsatz mit Dauerfeuer gedacht, behielt aber die Seriefeuerfunktion für entsprechende Fälle. Dabei wurde aber in der Ausbildung immer darauf hingewiesen, dass bei Seriefeuer der Schalldämpfer ruiniert würde. (Myrvang, 2014)

Sten Mk II(S), Zweites Produktionsmodell

Sten Mk II(S) mit schwerem Verschluss
Sten Mk II(S) mit grauer Enamel-Lackierung und British Broad Arrow Proofmark

Das zweite Produktionsmodell ist die Lehrbuchvariante der britischen Streitkräfte und wurde entsprechend in den Ausbildungsunterlagen festgehalten. Modelle aus der zweiten Produktion weisen einen Seriennummern-Präfix „TF“ einen Schalldämpferdurchmesser von 1 ½“ auf. Typischerweise sind diese Schalldämpfer mit einem Asbest-Geflecht umwickelt. Beim Umgang mit diesen Geflechten ist Vorsicht geboten, die Asbest-Gefahren sind hinlänglich bekannt. Die Schalldämpfereinheiten haben eine grosse Verschlussschraube am Mündungsende um den Schalldämpfer zerlegen und reinigen zu können. Abweichend von den ersten Produktionsmodellen wird kein Maxim-System verwendet, sondern einfache Stauscheiben. Innerhalb der Verschlussmutter ist eine Scheibe aus Filz angebracht, um die Verbrennungsgase im Innern des Schalldämpfers zu halten. Der Lauf hat eine Länge von 3.62″ und verfügt über 10 Ablass-Bohrungen zur Druckreduktion. Waffe und Schalldämpfer sind gleich nummeriert und sollten nur zusammen verwendet werden. Bei fast allen gesichteten Mk II(S) sind die leichteren Verschlüsse festgestellt worden.

Die Sten und Stay Behind

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in ganz Westeuropa Stay Behind Organisationen formiert. Diese Organisationen hätten sich im Fall eines sowjetischen Überfalls auf Westeuropa überrollen lassen und den Widerstandskampf hinter den sowjetischen Linien aufgenommen. Von den norwegischen Stey Behind Einheiten ist bekannt, dass schallgedämpfte Stens bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion bereitgehalten wurde. (Myrvang, 2014)

Literaturverzeichnis

Dabbs, Will. 2015. WORLD WAR II SUBGUN ROUNDUP. Small Arms Review. 2015, V19N10.

Iannamico, Frank. 2003. STEN SPEED BOLT. Small Arms Review. 2003, V6N9.

Myrvang, Folke. 2014. SILENCED STEN GUNS: A COLLECTOR’S GUIDE. Small Arms Review. 2014, V18N2.